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Der Winter in Nordnorwegen - eine Reisereportage

Der Winter in Nordnorwegen - Leben in der Finsternis

Bitterkalt. Bestimmt minus 25 Grad, und es hat gestürmt. Nichts ging mehr in der Finnmark in der dritten Januarwoche 1996, als Jakob das Licht der Welt erblickte. "Viele Straßen waren unbefahrbar, und selbst der Rettungshubschrauber konnte eine zeitlang nicht starten", erinnert sich seine Mutter Trine. Aber im Winter sind hohe Minusgrade und wilde Stürme im nördlichsten Norwegen keine Seltenheit. Hinzu kommt die Dunkelheit, die rund zwei Monate über der Finnmark lastet.

Finnmark - Du Land der krassen Gegensätze. Hügelige Berglandschaft und die unendliche Weite der Tundra geben sich hier die Hand. Von November bis Januar lässt die Dunkelheit der Nacht keine Sonnenstrahlen zu, aber in den Sommermonaten ist die Gewalt des Tages so stark, dass man bei gutem Wetter nachts die Sonne sehen kann. Drei verschiedene Sprachen und Kulturen treffen hier im hohen Norden aufeinander: die samische, norwegische und finnische. Die Finnmark ist die größte Provinz Norwegens, größer als Dänemark, Belgien oder Holland. Die Einwohnerzahl aber beträgt nur zwei Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes. Hier, im Land des ewigen Winters, leben etwa 76.000 Menschen auf 46.500 Quadratkilometern.

Also viel Platz! Und genau damit wird auch in vielen Reiseprospekten geworben. Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Jährlich reisen tausende von Menschen in den hohen Norden, um einmal das Nordkap zu besichtigen. Aber auch mit Abenteuer- und Aktivurlaub locken die Reiseveranstalter Neugierige. Romantische Landschaftsbilder und Samen in Trachten zieren die Prospekte. Mitternachtssonne, Angelausflüge, die Polarnacht, Rentier- und Hundeschlittenrennen sind die "Aushängeschilder" der Finnmark. Wie aber sieht das normale Leben hier oben aus? Wie erleben die Einwohner die "wilde Romantik"? Ein Zuckerschlecken jedenfalls ist es nicht, denn die kalte Jahreszeit dauert hier oben ganze acht Monate und zwei davon sitzen die Bewohner regelrecht im Dunkeln. Von Oktober bis Februar lohnt es sich kaum, die Lichter auszuschalten, so kurz ist der helle Teil des Tages. Mitte November bis Mitte Januar hat die Sonne dann überhaupt keine Chance, sich ihren Weg zum Horizont zu bahnen.

Kerstin Reinke hat die zwei Winter - den dunklen im Januar und den hellen im Mai - sowie das Leben in der Finnmark hautnah miterlebt und mit einigen Ansässigen über ihre Lebenseinstellung gesprochen.

 

"Aber im Winter fahre ich lieber nach Mallorca"

Bereits im Oktober befällt so manchen ´harten` Wikinger ein leichtes Unwohlsein beim Gedanken an die unaufhaltsam näherkommende "mørke tid", wie die dunkle Jahreszeit in Norwegen bezeichnet wird. "Danach brauchen wir zwar eine Weile, um uns wieder an das Licht zu gewöhnen", meint Torfinn Wisløff, Besitzer eines Campingplatzes in Alta, der größten Kommune der Finnmark, "aber diese Zeit haben wir hier oben schnell vergessen." Kein Wunder, denn mit großen Schritten erobert die Sonne ab Mitte Januar den Tag zurück. Der erste "Lichteinfall" wird in Nordnorwegen kräftig gefeiert, insbesondere von den Kleinsten. Kindergärten und Schulen veranstalten sogar Sonnenfeste. Bei klarem Wetter treffen sich Jung und Alt an bekannten Aussichtspunkten, um gemeinsam die Sonne zu begrüßen. Und dann scheint sie jeden Tag 12 Minuten länger, vorausgesetzt, die Wolken lassen es zu.

Jetzt ist es Mitte Mai, und die Sonne wird etwa zwei Monate überhaupt nicht untergehen. Torfinn Wisløffs Campingplatz gehört zu den wenigen im Norden des Landes, die das ganze Jahr über Einlas gewähren. Die allermeisten öffnen ihre Pforten erst zu Saisonbeginn Mitte Juni. Hin und wieder verirren sich aber ein paar Überlebenskünstler in den hohen Norden, und Torfinn kann sich so die eine oder andere Krone hinzuverdienen. "Allein vom Tourismusgeschäft würde ich meine Familie kaum satt bekommen." Torfinn schaut bedenklich über das Areal. Für diese Jahreszeit ist wenig los. Nur wenige seiner rund 20 Hütten sind besetzt. Die Temperatur ist nur knapp über null Grad und nachts friert es sogar. Überall an den Straßenrändern von Alta liegt alter, grauer Schnee, den die Sonne, die nur selten ihre Strahlen über die nach Wärme suchenden Gemüter der Finnmarker ausstreckt, nicht zum Schmelzen zu bringen vermag. Touristen, die die Mitternachtssonne sehen wollen, werden beim Anblick des grauen Himmels enttäuscht sein. Einladend ist es für diese Jahreszeit auch wahrlich nicht. "Selbst die Saison bringt hier bei weitem nicht so viel ein wie im südlichen Teil des Landes," sagt Wisløff.

Kein Wunder, denn an Norwegens "Côte d´ Azur" ist der Sommer schließlich bedeutend länger. Die meisten Touristen, die den Kilometermarathon in den Norden auf sich nehmen, haben nur das eine Ziel: Einmal am Nordkap gewesen zu sein. "Der Nordkapwahn zerstört den Fremdenverkehr in der übrigen Finnmark", erläutert Torfinn, der in den vergangenen Jahren einen starken Rückgang bemerkt hat. Die gepfefferten Preise schrecken ab. "Ein Abstecher mit einer vierköpfigen Familie an einen der nördlichsten Punkte der Welt kostet rund 250 Mark", ärgert sich der graumelierte Mann und sein sonst so freundliches Gesicht verdüstert sich. "Nur um ein Foto zu schießen und zu sagen: ,Ich war dort`. Verrückt!", murmelt er, "Einfach nur verrückt."

Städte wie Alta dienen beim Nordkaptourismus lediglich dem Durchreiseverkehr. Torfinn Wisløff kann sich aber noch glücklich schätzen; er hat eine Festanstellung bei der Alta-Kommune. Auf die Frage, wie die Menschen hier oben so ihre Freizeit gestalten, guckt mich der hochaufgeschossene Ur-Alteaner verdutzt an. Na, wie sonst überall auf der Welt auch. Schließlich seien wir hier in der Hauptstadt der größten Provinz Nordnorwegens und das Freizeitangebot boome. Sport stehe natürlich an erster Stelle, aber hierin unterscheide sich der Norden kaum vom restlichen Land.

Und die Jugendlichen? Da gäbe es auch keinen Unterschied zum restlichen Europa. "Na ja", willigt er ein, "wir haben hier oben vielleicht weniger Night-live Angebote, was kein Nachteil sein muss". Langeweile käme deshalb bei den Kids nicht auf. Andere Dinge werden groß geschrieben. "Aber Alta", so betont Torfinn, "hat ja im Gegensatz zu vielen anderen Orten der Finnmark noch eine Disco und einige Kneipen." Torfinn ist in Alta geboren und möchte hier auch alt werden. Weit ab vom Schuss in der Weite und Wildnis der Finnmark fühlt er sich pudelwohl, dieser konservative Abenteurer. "Nur im Dezember", fügt er grinsend hinzu, "fliege ich doch manchmal lieber nach Mallorca."

Im Mai treffe ich die alte Samin Inga zum ersten Mal. Zunächst aber begegne ich ihrer Enkelin Anne-Karen, die mit ihrem Lebensgefährten Ivar und dem gemeinsamen acht Monate alten Sohn Ivar-Andreas auf einem Felsvorsprung am Altaelva sitzt und Würstchen grillt. Die schöne Landschaft und gelegentliche Versuche der Sonne, sich einen Weg durch den verhangenen Himmel zu bahnen, machen es nicht wärmer. Trotz meiner dicken Winterjacke spüre ich die Kälte und denke an zu Hause, wo kaum jemand auf die Idee kommen würde, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ein Picknick zu machen. Neugierig nähere ich mich der jungen Familie, doch bevor wir richtig ins Gespräch kommen, macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Sonne gibt endgültig auf und der Mai zeigt sein wahres Gesicht: Es fängt an zu schneien. Der eben noch so gemütlich aussehende Platz verliert seinen heimeligen Reiz, und wir beeilen uns beim Zusammenpacken der Habseligkeiten und verabreden uns bei Anne-Karens Großmutter.

 

"pulka","lavuu", "siida" - vom ursprünglichen Leben der Samen

Ein "lavuu" vor dem Haus zeigt, dass hier Samen ´sesshaft` geworden sind. Rauch steigt aus dem Zelt und Ivar deutet an, dass ich hineingehen soll. Inga taut schnell auf und fängt an, aus ihrer Vergangenheit zu plaudern. "Ich bin mein ganzes Leben lang mit dem lavvu und den Rentieren umhergezogen." Ingas leuchtende Augen verraten, dass sie dieses Leben über alles geliebt haben muss. Die Alte erinnert sich daran, dass in Bossekop, einem der drei Zentren in Alta, bis zum Zweiten Weltkrieg ein Markt stattfand. "Damals trafen wir uns dort im Frühwinter, um Waren zu tauschen und das einzukaufen, was für die Wanderung im Sommer oder für das Überwintern gebraucht wurde." Das Rentier diente als Zugtier und Straßen gab es noch nicht. "Wir benötigten also Schnee, um reisen zu können", erklärt Inga, die als junges Mädchen mit ihrer Familie in Kautokeino überwinterte. "Mit unserem Schlitten, der "pulka", brauchten wir etwa drei Tage durch die Finnmarksvidda von Alta nach Kautokeino, bei Sturm noch länger." Sie denkt gerne an diesen Markt zurück. Bei dem oft monatelangen Nomadenleben, wo sie nur die Rentierherde und ihre "siida", die Gruppe, zu Gesicht bekam, wurde der Markt von allen freudig erwartet. Die heute 74jährige Samin ist in der Finnmark geboren, woanders war sie noch nie und will sie auch gar nicht hin. "Jetzt bin ich alt und kann nicht mehr umherziehen." Ihre Stimme klingt wehmütig. Die Rentierzucht ihres Vaters haben ihr jüngerer Bruder und seine zwei Söhne übernommen, aber so wie früher sei es schon lange nicht mehr. "Damals sind wir fast das ganze Jahr mit den Rentieren umhergezogen, Transporter und Motorschlitten gab es nicht", berichtet Inga, die als Mädchen nur von Dezember bis März die Schulbank drücken musste. "Ich habe die Wildnis studiert und alles gelernt, was ich brauche", sagt sie voller Stolz. Inga Aslaksdatter Sara kam an einem bitterkalten 1. Januar in einem "lavvu" zur Welt. Das harte Leben hat in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Es hat viele Falten - jede erzählt eine Geschichte.

 

"Geld hält die Menschen im Norden"

Niells Westphal gehört zu denjenigen, die hier oben Arbeit gefunden haben. Nachdem er zuvor in Oslo und Bergen studiert hat, lebt er mit seiner Familie jetzt seit drei Jahren in Alta, aber der Kulturschock blieb aus. "Wir wussten vorher, was uns hier erwartet, da meine Frau Trine in Alta aufgewachsen ist", meint der junge Familienvater, "und mittlerweile haben wir uns gut eingelebt und auch viele Freunde gefunden". Außerdem habe das Leben hier auch finanzielle Vorteile, meint Niels. "In den 80er Jahren wurde der ´personengerichtete Zuschuss` eingeführt, um das Volk dazu zu bringen, in der Finnmark wohnen zu bleiben. So nach und nach stellte man nämlich fest, das die Bevölkerungszahl rapide sank", weiß Niels, der bei der Stadt Alta als Öffentlichkeitsreferent angestellt ist und sich in Sachen Politik bestens auskennt. Die sogenannten "tiltaksonen" (Zuschusszonen), die in der Finnmark und der Nordtroms eingeführt wurden, beinhalten unter anderem Steuererleichterungen, null Prozent Arbeitgeberabgaben, Abschreibungsverordnungen für die aufgenommenen Studiengebühren sowie mehr Kindergeld und einen Lohnzuschuss für Lehrer. "Manchmal wünschte ich mir, Medizin studiert zu haben", stöhnt der Kommunikationswissenschaftler und spielt dabei auf die Sonderstellung der Doktoren in der Finnmark an. "Die finden hier keine Ärzte und deshalb lockt man sie mit Geld, mit viel Geld. Ein paar Jahre Arzt in der Pampa und du hast für dein Leben ausgesorgt", beschwert sich Niels, dessen Job nicht so gut bezahlt wird.

 

"Viele Leute haben von Samen eine romantisierte Vorstellung"

Kirsten Gaup ist jeden Tag im Jahr rund um die Uhr beschäftigt. Auf ihrem großen Hof in Karasjok wirkt es recht unordentlich. Motor- und große Anhängerschlitten stehen herum und überall hängen Rentierfelle.

Auch im Wohnzimmer herrscht ein leichtes Durcheinander, und irgendwie riecht es nach Tier. Rentier. Das Wohnzimmer ist altmodisch eingerichtet. Alte Fotos von Rentieren und Samen in Trachten zieren die Wände. Nach einer Weile ist Kirsten fertig und setzt sich zu mir. Sie mag fünfzig, vielleicht fünfundfünfzig Jahre alt sein. Eine vielbeschäftigte Frau. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Tourismusgeschäft. "Ich will aufklären", sagt sie und weist als erstes darauf hin, dass mit den Samen und dem Rentiertourismus viel Schwindel betrieben wird. "Die Vorstellungen, die die Touristen von uns Samen haben, entsprechen denen eines Mythos. In den Köpfen der Leute geistert eine ganz irrationale, völlig überalterte und romantisierte Vorstellung vom Leben der Samen herum." Kirsten Gaup, die zu einer Zeit jung war, als die Samen noch Nomaden waren, erklärt den Touristen, wie sich das Leben der Samen früher abgespielt hat. Wie wurden die Rentiere transportiert?


Wann haarten die Tiere? Welche Naturmedizin wurde angewandt? Aber auch auf die Veränderungen, die das Leben im Laufe der Jahre erfahren hat, weist sie hin. "Von früher zu berichten, macht mir persönlich viel Spaß", sagt Kirsten, die der alte Zeit viel Gutes abgewinnen kann. Noch heute lebt sie überwiegend von ihrer Rentierzucht, die sie zusammen mit einem Freund betreibt.

Wie viele Rentiere sie zur Zeit besitzt, verrät sie nicht. "Das wäre so, als ob ich mein Bankkonto offenbaren würde", meint sie schmunzelnd. Im Gegensatz zu den vergangenen Zeiten hat sich aber in der Samenkultur einiges verändert. "Wir wollen so leben, wie andere auch, mit all dem Komfort. Haus, Auto, Motorschlitten und so." Konsumorientierung habe auch bei den Samen, die in der traditionellen Rentierzucht tätig sind, Einzug gehalten. Daraus macht Kirsten Gaup keinen Hehl. Nach wie vor ist dieses Gewerbe aber eine Männerdomäne - Frauen haben einen schweren Stand.

Kirsten, die seit vielen Jahren verwitwet ist, beißt sich mit ihrem Kollegen so durch. Ihre Tochter Berrit allerdings kann sich für ein Leben mit Rentieren nicht erwärmen. Aber auch sie beschäftigt sich beruflich mit der Erhaltung samischer Kultur. Sie leitet eine samische Kunsthandlung in Karasjok. Wer einmal die Zucht der Rentiere übernehmen wird, ist noch unklar. Aber ans Aufhören denkt Kirsten Gaup noch lange nicht. "Die Tiere gehören einfach zu meinem Leben", meint sie, "ich empfinde tiefe Zuneigung, ja vielleicht sogar ein wenig Liebe für meine Tiere." Sie hat nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, die Finnmark zu verlassen. "Nachdem ich vor einigen Jahren in London gewesen bin, verstehe ich um so besser, wie gut wir es hier oben im hohen Norden haben." Ich frage sie, wie lange sie denn in England gelebt hätte. "Eine Woche", antwortet sie.

 

Ein Paradies für Naturfreunde

Um sich in der Finnmark so richtig heimisch zu fühlen, muss man wohl Same sein, oder ein echter Naturfreak wie Stein. Der "Herbergsvater" scheint etwas menschenscheu, aber als er merkt, dass ich seine Sprache spreche, taut er auf. Ich frage, ob hier immer so wenig los sei und Stein zuckt mit den Schultern. "Ich vertrete nur den Herbergenbesitzer für ein paar Wochen", meint er, "und meine Zeit hier in Karasjok ist leider bald um." Er wirkt bedrückt, da er bereits nächste Woche seine Koffer gepackt haben muss, um einen Job in Trondheim anzutreten. "Ich würde am liebsten hier blieben, aber zu dieser Zeit des Jahres ist es fast unmöglich, in der Finnmark einen guten Job zu finden", bedauert der gelernte Radio- und Fernsehmechaniker, der seit längerer Zeit vergeblich auf der Suche nach einem Arbeitsplatz in seinem Fach ist. Was ihn so an der Finnmark fasziniert, bringt er in drei Worten auf den Punkt: "Weite, Freiheit, Lebensgefühl." Der gebürtiger Hammerfester findet es in der Finnmark einfach am schönsten und wird sich auch weiterhin darum bemühen, hier einen geeigneten Job zu finden. Auch der harte Winter kann von seinem Traum nicht abhalten. "Wir sind es so gewohnt", ist seine Antwort. "Das Leben hier hat soviel zu bieten, wenn nur die Arbeitslosigkeit nicht wäre...". Seine wenigen Tage, die ihm noch bleiben, kostet er jede Sekunde aus. Für lange Gespräche mit den Herbergsgästen bleibt keine Zeit, Stein macht sich bereits wieder fertig für neue Abenteuer in der Wildnis. Diesmal geht es zum Angeln. In nur wenigen Minuten ist er gestiefelt und gespornt. Stein sieht aus wie ein Eskimo: dick eingepackt, denn es ist noch sehr kalt. Und die Ski dürfen nicht fehlen. Ohne sie ist es außerhalb der Ortschaften und abseits der geräumten Straßen nicht möglich vorwärts zu kommen. Er schnallt sich seinen Rucksack auf, kettet die Hunde los und winkt zum Abschied. Während andere Menschen ihre Freizeit gesellig in Cafés verbringen, zieht Stein die Einsamkeit und die Natur vor. Und davon hat die Finnmark mehr als genug zu bieten.

 

Fischerei

Obwohl es bereits nach sechs Uhr ist, arbeitet Sigfred Persen immer noch. In einem Blaumann gekleidet, konzentriert er sich vollends auf seine Schweißarbeiten. Der Fischer ist so in seine Arbeit vertieft, dass er mich zunächst nicht bemerkt. Als ich direkt am Anlegeplatz vor seinem kleinen Boot stehe, hebt er dann doch den Kopf. Stolz zeigt er mir sein "Reich". Ich frage ihn, ob er vom Fischfang leben kann. "Seit 43 Jahren bin ich Fischer. Sehe ich aus, als ob mir etwas fehlt?", fragt er mit einem vorwurfsvollen Unterton zurück. "Nein, keineswegs", beschwichtige ich den Hünen. Seit vielen Jahren wohnt er schon mit seiner Frau hier am Burfjord, er selbst kommt aus der Nordkap-Kummune, wo die klimatischen Bedingungen ähnlich hart sind. Der "Finnmarks-Flüchtling" fühlt sich hier sehr wohl. Nein, ein Wetterflüchtling ist Sigfred wahrlich nicht. Man sieht es seinem Gesicht an, dass Wind und Wetter ihm nichts anhaben konnten. Lediglich die leicht verpatzte Wintersaison in diesem Jahr ärgert ihn ein wenig.

"Normalerweise sind wir von Januar bis Mitte Mai auf dem Wasser", sagt Persen, "aber in diesem Jahr begann die Saison aufgrund der eisigen Kälte erst Mitte Februar und das auch nur mit Vorbehalt, denn der Frost ließ in diesem Winter sogar fließende Gewässer teilweise erstarren." Aber er ist dennoch zufrieden. "Wir haben genug zum Leben", so der Vollblutfischer, der selbst in der fischfangfreien Zeit kaum vom Steg wegzubringen ist. "Es gibt immer etwas zu tun." Momentan ist Persen mit Renovierungsarbeiten beschäftigt und außerdem bereitet er die Sommersaison vor, in der er sich dem Tourismus verschrieben hat. Mit Boots- und Angeltouren sowie der Hüttenvermietung verdient sich das Ehepaar Persen ein kleines Zubrot zum Lebensunterhalt, denn so ganz ohne Arbeit, dass wäre auch nichts für ihn.

Er zeigt mir seinen Fisch aus der Nähe. "Dies hier ist gelauchter Dorsch", erklärt Persen. "Eine Delikatesse und ein für Norwegen typisches Weihnachtsessen." Für den großen Fisch, der er gerade in der Hand hält, würde er auf dem Markt stolze 300 Kronen, umgerechnet etwa 75 Mark bekommen. Ein halbes Vermögen hängt in Nordnorwegen an den Fjorden und an der Küste herum - größtenteils völlig unbewacht. Als ich ihn darauf anspreche, guckt er mich entgeistert an.

"Hier klaut keiner"...

...lautet die knappe Antwort. Sein Reich am Burfjord in der Nordtroms ist ein schönes Plätzchen. Die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt, hat sich auch auf den Fischer übertragen. Um nichts auf der Welt möchte er von hier fort. Viel ist er zwar noch nicht herumgekommen, aber das, was er gesehen hat, riss ihn nicht vom Hocker. Sein kleiner Kahn, sein Häuschen und seine Frau - das erfüllte Leben von Sigfred Persen. Kaum habe ich ihm den Rücken zugewandt, beginnt die Motorsäge aufzuheulen, deren Geräusch noch bis in die späten Abendstunden zu hören ist.

 

Januar

Inga ist auf dem Weg zum Supermarkt. Sie hat ihre "koofta" an, die samische Volkstracht. Im Gegensatz zu vielen der jüngeren Samen holt die alte Frau das gute Stück nicht nur zu besonderen Anlässen aus dem Kleiderschrank, sondern trägt sie an jedem x-beliebigen Tag im Jahr und sei es nur zum Einkaufen von Lebensmitteln im Zentrum von Alta. Auch an diesem kalten Tag im Januar, denn die Tracht ist warm. Ihr Einkaufszettel ist lang und so dauert der Marsch durch die Regale eine halbe Ewigkeit. Das Geld ist knapp und die Preise müssen verglichen werden. Aber schließlich hat sie es geschafft.

Schwerbepackt mit Tüten will sich die alte Samin ein Taxi für den Rückweg leisten. "Hei." Sie winkt einem freien Taxi zu. "Er du ledig?" Der Taxifahrer dreht sich um und als er sie sieht, schüttelt er mit dem Kopf. Er sei schon besetzt. "So etwas passiert schon mal", meint Inga, die sich an der offensichtlichen Abneigung des Mannes nicht zu stören scheint. Sie hat, wie viele "Ureinwohner" des Norden - die Sámit - ihren Stolz. "Hier in Alta gibt es nicht so viele Samen, oder zumindest erkennt man sie nicht auf den ersten Blick", sagt Inga. "In Karasjok und Kautokeino ist das etwas anders. Da laufen auch alltags noch viele der älteren Generation mit der "koofta" rum und eigentlich spricht jeder dort die samische Sprache."

 

Das Leben im Winter ist trister

Als ich Inga im dunklen Januar zum zweiten Mal treffe, wirkt sie resignierter und viele ihrer Lebensgeister vom Mai scheinen sie verlassen zu haben. Inga sieht ausgelaugt aus und ist es auch. Heute gäbe es für sie nicht mehr viel, wofür es sich zu leben lohne. Geld ist keines da, sie und ihre Tochter Annemarie, mit der sie in Altas Außenbezirk Transfarelv in ihrem kleinen alten Haus zusammenlebt, sind froh, wenn die Hütte warm ist und sie etwas zu Essen haben. Im Winter schläft sie lange, manchmal den ganzen Tag. "Wann ich aufstehe, ist doch egal. Es ist doch eh´ immer tiefe Nacht?" Und wenn sie wach sind, läuft die Glotze unentwegt. Aber immer dann, wenn sie über die alten Zeiten sprechen kann, blüht ihr faltiges Gesicht auf. Viel hat sie erlebt, sehr viel und das, ohne die wilde Finnmark jemals verlassen zu haben. "Ein wundervolles Leben", schwärmt die kleine Samin, die auch heute noch in ihrem Traum von der alten Zeit lebt.

 

Anne-Karen bleibt um jeden Preis

Ingas 24jährige Enkelin Anne-Karen kennt das Nomadenleben nur aus den Erzählungen ihrer Großmutter. Vom alten Leben der ergrauten Dame hat sie wenig mitbekommen, nur die samische Sprache und die innige Liebe zur Finnmark. "Ich habe gar nicht das Verlangen, einmal woanders zu leben", meint sie und blickt träumerisch aus dem Fenster ihrer kleinen Wohnung außerhalb des Alta-Zentrums. "Die Natur, Einsamkeit und das Lebensgefühl hier möchte ich nicht missen", sagt sie energisch und blickt Ivar mit halb forderndem, halb ängstlichem Blick an.

Ihr drei Jahre jüngerer Lebensgefährte sieht das Ganze nämlich etwas anders. Er kennt den Süden. Wo, laut Ivar, alles viel besser ist. "Vor allem ist da viel mehr los", so Ivar, der sich in Alta sichtlich langweilt. Daran ist nicht zuletzt die Arbeitslosigkeit schuld. Seit beinahe drei Jahren hat er nun keinen Job und der jungen Familie fehlt das Geld hinten und vorne. Mit Mühe und Not können sie die Miete für ihre entlegene Wohnung aufbringen. Eine vergleichbare Mietswohnung im Zentrum von Alta wäre für die beiden unbezahlbar.

 

Ein Auto für die Unabhängigkeit

"Aber ein Auto, das muss sein," so Ivars Ansicht, "damit bewahre ich mir ein Stückchen Unabhängigkeit." Aber wohin nur mit der fahrbaren Freiheit, wenn manchmal sogar das Geld zum Auftanken fehlt? Ivar steckt sich eine Zigarette an. Er raucht viel. Über 20 Mark kostet ein Päckchen Tabak. Abgewöhnen kann und will er sich dieses Laster nicht. Heute hat er sich einen gebrauchten Motorschlitten angesehen. Das wäre was!

Anne-Karen fängt an, das Kaffeegeschirr vom Tisch zu räumen und das Abendbrot vorzubereiten. Der mittlerweile andershalbjährige Andreas ist müde und quengelt herum. "Kümmere dich doch mal um den Kleinen", schnauzt Ivar seine Freundin an, ohne den Blick von der Mattscheibe zu wenden.

Der Traum vom großen Geld. Dann sähe alles viel rosiger aus. Ivar redet viel vom Geld. Dieses würde er gerne haben, und jenes auch. Aber alles ist ja soooo teuer. Heute ist Montag, er ist spät aufgestanden und hat vom helleren Teil des Tages wenig mitbekommen. "Es ist ja schon wieder dunkel", meint er mit einem kleinen Grinsen, als Anne-Karen ihn darauf hinweist, dass er sich wieder nicht um einen Job gekümmert hat. Im Gegensatz zu seiner Lebensgefährtin ist er von der langen "mørke tid" total genervt. Wenn da der Fernsehapparat nicht wäre...

 

Alltag in Kautokeino

Ich besuche Verwandte von Inga in Kautokeino. Es ist 9.30 Uhr. Die zwei Kinder sind aus dem Haus. Ole Tomas trinkt noch hastig einen letzten Schluck Kaffee. Dann muss es schnell gehen. Er zieht sich für die Arbeit an. Erst wollene Unterwäsche, davon gleich zwei Garnituren und darüber einen dicken Ölanzug. Mütze und Kaputze auf, Schal um, das Gesicht ist kaum noch zu sehen. Heute ist er spät dran, draußen dämmert es bereits wieder. Ein schönes Licht an diesem klaren Tag. Aber Ole hat für Romantik keine Zeit. Zu allem Überfluss muss er auch noch seinen Schneeskooter freischaufeln, denn über Nacht hat es in dem Dorf wieder geschneit. "Fast bläulich wirkt er, der Schnee", bemerke ich und schaue mich fasziniert um, aber der Same hört nicht zu. Er konzentriert sich auf seine Arbeit und ist nach wenigen Minuten aufbruchbereit. Sein "Arbeitsplatz" ist 15 Kilometer vom Haus entfernt, in den Bergen, wo es noch mal gut 10 Grad kälter sein kann. In den dunklen Wintermonaten ist seine Arbeitszeit kurz, da man nur wenige Stunden am Tag überhaupt etwas sehen kann. "Im Dunkeln bleibt die Rentierherde größtenteils beieinander", meint Ole, der sein Ziel nach einer knappen Stunde erreicht. Sehr abwechslungsreich ist der "Job" im Winter nicht. Mit dem Schneeschlitten fährt Ole jeden Tag viele Runden, um seine "Schäflein" in dem ihm zugeteilten Gebiet zusammenzuhalten.

 

Mikkels Welt

"Früher hatten wir damit nie Probleme", meint Ingas älterer Bruder Mikkel. "Unsere Herden waren viel kleiner, und die Tiere waren zahm." Die Herden waren eben so groß, wie der Bedarf der einzelnen Familien war. Und jeder packte mit an. Heute sieht es anders auch. Modernisierung und Geldwirtschaft haben auch bei den Rentierbauern Einzug gehalten, so dass die Bestände der Herden im Laufe der Zeit immer stärker angestiegen sind. Ole Tomas schweigt sich, ebenso wie Kirsten Gaup, über den genauen Fonds seiner Tiere aus. Ganz so klein kann er aber nicht sein, denn es scheint, dass die Familie sehr gut davon leben kann. Aber irgendwie steht alles auf wackeligen Beinen. Die Schwierigkeiten der Rentierhaltung sind nicht mehr zu leugnen. Rentierwirtschaft und Behörden müssen sich diesen Problemen stellen und nach Lösungen und Kompromissen suchen.


 Doch jetzt zieht Ole Tomas noch jeden Tag seine Bahnen. Etwa minus 20 Grad mögen es in den Bergen wohl sein und trotz der dicken Bekleidung ist der Rentierbauer nach wenigen Stunden durchgefroren und froh, dass sein Arbeitstag bereits am frühen Nachmittag zu Ende geht. So gegen drei Uhr ist er wieder im aufgewärmten Heim, die Dunkelheit hat die Finnmark schon lange wieder eingeholt. "Hei", begrüßt seine Frau Sara ihn freudig und drückt dem Verfrorenen einen Schmatz auf die Nase. Dann widmet sie sich wieder ihrer Malerei. Mit samischer Kunst und als Lehrerin verdient sie ihren Teil für die Familie dazu. "Ich kann mich sehr glücklich schätzen", meint Sara, "denn nur wenige Frauen von Rentierzüchtern sehen ihre Männer so häufig wie ich. Viele kommen auch im Winter höchstens mal am Wochenende nach Hause, da die Wege zwischen den Rentierlagern und dem Wohnort sehr weit sind."

 

Internatsleben

Das Internat in Kautokeino gibt es seit vielen Jahren. Viele Generationen der Familie Sara haben hier die Schulbank gedrückt. Nach Inga und Annemarie auch Anne-Karen. Aber nicht nur optisch hat sich hier einiges verändert. Die Internatsschulen wurden gegründet, um das Problem der großen Entfernungen zwischen Wohnsitz und Schulort zu lösen. Aber sie hatten noch eine weitere Funktion: Sie wurden als wirksamstes Mittel bei der Durchführung der ´Norwegisierung der Samen` eingesetzt. "Ich kann mich noch vage daran erinnern, dass der Unterricht nur auf norwegisch abgehalten wurde," so Inga. In den Internatsschulen hörte das ´Schuleschwänzen aus familiären Gründen` fast auf; die Kinder waren Tag und Nacht unter Kontrolle und wurden sogar in ihrer Freizeit dazu angehalten, norwegischen zu sprechen. Inga aber hat ihre Muttersprache nicht verlernt. Schließlich war sie ja auch größtenteils mit der Familie unterwegs.

Heute ist das Internat wieder eine ´normale` Schule, in der überwiegend auf samisch unterrichtet wird. Die Kinder kommen morgens und gehen am frühen Nachmittag nach Hause. Im Herbst wohnen hier für eine kurze Zeit um die 36 Kinder von Rentierzüchtern, deren Familien dann mit der Herde unterwegs sind. Nur die Geschwister Lene Monica, Lillian Alice und Ragnhild Anette Gaino und drei weitere Kinder haben das Pech, dass ihre Eltern zu weit weg wohnen und sie deshalb das ganze Jahr über hier bleiben müssen.

"Eigentlich freuen wir uns nur aufs Wochenende, denn dann geht´s nach Hause," meint Lene, die sich hier sehr einsam fühlt. Die grauen Wände ihres Internatszimmers, welches sie mit ihrer Schwester Lillian teilt, hat sie mit den Gesichtern der Ex-Spice Girls Geri, Emma, Mel B, Victoria und Mel C übertapeziert. Nur im Herbst ist das Leben hier eine "Mordsgaudi." "Wir toben viel im Freien, spielen Basketball und haben einfach jede Menge Spaß," so Ragnhild. Im Winter dagegen sind sie viel drinnen, machen Handarbeit oder schauen fern. "Stinklangweilig," mault Lillian, die sich ihre Kopfhörer aufsetzt. Laute Musik ist hier nicht erlaubt. Man hört das Dröhnen des Basses und Gefiepe der Spice Girls, die auch hier in der Pampa des Nordens die Herzen der Kiddies erobert haben.

 

Eine Deutsche in Karasjok

Verena kommt ursprünglich aus Stuttgart. Seit anderthalb Jahren lebt sie jetzt im Norden Norwegens. Zehn Monate lang hat sie auf einer samischen Volkshochschule in Karasjok die Sprache und Kultur der Nordländer kennen- und liebengelernt, bevor sie dann in Tromsø das Studium der Ethnologie begann. "Heute ziehe ich den kühlen Norden dem sonnigen Süden eindeutig vor", meint die 22jährige, die durch ein Inserat auf diese Idee gekommen ist. Tromsø gefällt ihr zwar auch, aber in jeder studienfreien Minute ist sie in Karasjok oder Kautokeino.

"Ich habe Frank und Regine Juhls durch Zufall kennen gelernt und bin froh, dass ich häufig in ihrer Silberschmiede in Kautokeino arbeiten kann", sagt die Studentin, die immer wenn sich die Gelegenheit bietet, das Abenteuer Finnmarksvidda pur auskostet. "Es gibt nicht Schöneres, als mit einem Rentierschlitten durch die Wildnis zu fahren und in lavuus zu übernachten", behauptet Verena, die sich schnell an die harten Witterungsbedingungen und die Dunkelheit gewöhnt hat. "Durch den vielen Schnee kommt es einem auch oftmals viel heller vor, als es eigentlich ist."

Viele der alten Freunde haben Verena damals nicht ernst genommen. Sie wurde von einigen sogar für ´verrückt` erklärt, aber die Studentin hat sich nicht beirren lassen. "Eigentlich liebe ich alles hier", meint die Abenteurerin, "vor allem die Mentalität der Menschen ist klasse. Hier schließt keiner das Auto ab, und die Türen stehen jederzeit offen. Man geht hier einfach ins Haus, ohne vorher zu klopfen oder zu klingeln, das ist ganz normal. Sogar nachts. Und wenn die Leute schon im Bett liegen, stehen sie halt wieder auf und kochen Kaffee. Wo du auch hinkommst, es gibt erst mal einen Kaffee."

 

Studieren im hohen Norden

Die drei riesigen Betonklötze wenige Meter vom "Alta-Zentrum" wirken deplaziert wie so viele Gebäude in der "Metropole" der Finnmark. Auch wenn die Sonne schiene, würden sie nicht attraktiver erscheinen. Hier ist ein Gros der Studenten untergebracht, die an der Alteaner Fachhochschule studieren. Insgesamt sind es etwa 2000. Auch Asle ist einer der Studenten, die es vom Süden in den hohen und kalten Norden verschlagen hat. Asle will Berufsschullehrer werden, aber momentan liegt sein Studium etwas auf Eis. Ich treffe ihn an einem Freitag Abend im "Kjelleren".

 

Alkohol und die Dunkelheit

Er hat schon ein paar Bier getrunken. Er sucht jemanden zum Reden, will seine Geschichte loswerden. Eine tragisches Liebesdrama, wie es sich immer wieder überall auf der Welt abspielt. Er hat seine Freundin an seinen besten Freund verloren. Seither ist der fast jeden Abend "auf der Piste", um sich abzulenken. Er hat dunkle Augenränder. Schlecht sieht er aus, verdammt schlecht. Wenn Asle in seinem Wohnheimappartement aufwacht, ist es schon wieder dunkel. Aber das macht nichts, da er sowieso selten Lust verspürt, aufzustehen. "Die ewige Nacht passt zu meinem Gemütszustand", meint der ehemalige Krankenpfleger, der jetzt eigentlich selbst Pflege bitternötig hätte, frustriert.

"Ich muss ein wenig frische Luft schnappen", bekennt Asle nach einer Weile und wir gehen nach draußen. Es ist beinahe Mitternacht, aber das weiß ich nur deshalb, weil ich auf die Uhr schaue. Es könnte auch Mittag sein, oder später Nachmittag - egal, denn in der "mørke tid" lassen die Einwohner in den Büros, Wohnungen und Betrieben die Lampen rund um die Uhr brennen. Auch die Straßenbeleuchtung strahlt 24 Stunden am Tag, um den Menschen die Dunkelheit so weit wie möglich vom Halse zu halten. Allerdings ist die Nacht klar und kalt. Am Himmel bemerke ich faszinierende Lichtspiele. Das vielgerühmte Nordlicht. Ein kurzer, überwältigender Anblick. Ich mache Asle darauf aufmerksam. "Ja, schön, nicht wahr", sagt er und torkelt ein wenig. "Ich muss mich leider verabschieden, mir ist nicht gut." Asle dreht sich um und schlägt den weg zu den Studentenwohnheimen ein. Ich genieße noch ein wenig die klare Nacht, das Funkeln am Nachthimmel und vergesse für einen Moment, dass ich hier fast am Ende der Welt bin.

 

Die Fachhochschule in Alta ist das intellektuelle Aushängeschild

Die Hochschule in Alta ist das intellektuelle Aushängeschild der Stadt und hat für sie eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist die einzige größere Universität der Finnmark. Außerdem steigt durch die Studenten die Einwohnerzahl der Kleinstadt. Auch der 24jährige Sveinung und die 22jährige Kari-Ann haben sich für eine Ausbildung im hohen Norden entschieden. Beide haben das gleiche Ziel: Grundschullehrer. Das Studium an der Fachhochschule dauert vier Jahre. Kari-Ann hat nach diesem Semester zwei hinter sich, Sveinung bereits drei. Wir treffen die beiden in Sveinungs Zimmer im Studentenwohnheim neben den Fakultätsgebäuden im Zentrum von Alta. Von August bis Juni bewohnt er diesen engen Raum, dann endlich sind Sommerferien. In dieser Zeit werden die Studentenbuden an Touristen vermietet.

Die zwölf Quadratmeter sind gemütlich eingerichtet: Neben dem obligatorischen Inventar solch zweckmäßiger Mietskasernen wie Tisch, Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank hat Sveinung eine persönliche Note eingebracht. Kunstdrucke und allerlei kleine Poster und Fotos zieren die Wände, eine Stehlampe ist mit einem schwarzen Hut geschmückt, und die leichte Unordnung wirkt gemütlich. "Was zieht euch gerade hierher zum Studieren", frage ich die beiden. "Es ist schön hier", meint Kari-Ann und ihr Freund nickt bejahend. Die Freizeitmöglichkeiten hier seien enorm groß, insbesondere im Winter. Da hört man wieder den echten Norweger sprechen, der auf Skiern geboren zu sein scheint. "Aber Wintersport könnt ihr doch im ganzen Land betreiben", werfe ich ein und spiele damit auf die harten Witterungsbedingungen an.

Sonnenstrahlen werden im Sommer gesammelt

Beide kommen sie aus der Troms, wo das Klima wenig anders ist. Daher ist die Dunkelheit kein Thema. "Wir sind es gewohnt", erklärt Kari-Ann und Sveinung fügt hinzu, dass sich die Studenten in diesen zwei Monaten häufig zum Tee treffen und die Gemeinschaft hier sehr stark sei. Das finde man sonst an keiner Uni oder Fachhochschule. Und was den Wintersport betreffe, so seien viele Loipen beleuchtet. "Aber wenn der Sommer kommt, und es so langsam wieder hell wird, ist es schon ein wahnsinniges Glücksgefühl", so Sveinung, "Und das Bier schmeckt auch wieder viel besser, weil wir es draußen genießen können." Von Langeweile keine Spur. Schließlich haben sie ja immer Sommer genug Zeit, Sonnenstrahlen für den Winter zu sammeln. Wie Frederic.

Und zum Feiern gibt es auch genügend Möglichkeiten, und Sveinung hat ja auch noch seine Gitarre. "Ich bin Mitglied in einer Band." Er greift nach seinem Instrument und beginnt zu spielen. Es sind nicht die heiteren Klänge der Straßenlieder, wie man sie aus dem Süden kennt - die Töne hören sich eher wehmütig an.

 

Ein lauer Job: Gesetzeshüter im hohen Norden

Der Mann, der über die 16.500 Einwohner Altas wacht, ist Knut Thomassen, der Polizeichef. Ich frage ihn, was die Polizei hier so alles zu tun hat.
"Nun", meint er, "wir arbeiten hier viel in zivilem Aufzug." Er zählt mir die Aufgaben eines Polizeibeamten in Alta auf. Viel mehr, als den Verkehr zu regeln und kleine Delikte aufnehmen, ist hier nicht zu tun. Das ruhige Leben der Beamten erinnert ein wenig an den Film "Karniggels", in dem Polizeianwärter Klaus Michael Lade in ein kleines Örtchen nach Schleswig-Holstein versetzt wird. Wann hier der letzte Mord passiert ist, will ich von ihm wissen. "Hmm", schmunzelt er und muss nach einigen Minuten Überlegungspause passen.

"Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern." Viel passiert hier nicht. Mord, Körperverletzung und Überfälle: Im letzten Jahr wurden 70 Fälle dieser Art in der gesamten Finnmark registriert. "Ist die Arbeit nicht zu eintönig", frage ich ihn. "Nein!" Er erzählt mir, dass er schon viel in der Welt herumgekommen sei und bereits in Moskau und Berlin als Botschafter gearbeitet habe. Seit 1978 sei er wieder in seinem Geburtsort Alta tätig. "Die Arbeit als Diplomat war langweilig! Ich war froh, als ich endlich wieder hier war", meint der Endfünfziger bestimmt. "Ich habe den freundlichen Umgang der Menschen untereinander vermisst! Und die Freiheit. Wir hier oben sind von einem ganz anderen Schlag."

 

Alltag im Hause Westphal

 Im Januar treffe ich auch Niells, den Pressesprecher der Alta-Kommune, ein weiteres Mal. Er lädt mich ein paar Tage zu sich ein und ich erlebe den im Büro eher nüchtern wirkenden Mann ganz privat. In der Woche ist bei Trine, Niels, Mari und Jakob Hektik an der Tagesordnung.

Der Wecker klingelt um sieben, aber keiner will aufstehen. Eine halbe Stunde später schälen sie sich dann notgedrungen alle aus dem Bett und es muss Ruckzuck gehen. Waschen, anziehen, Zähne putzen und frühstücken. Und Jakob anziehen, was momentan das größte Problem darstellt. "Seit ein paar Monaten will er sich einfach nicht mehr anziehen lassen", stöhnt Trine und zieht dem wie am Spieß schreienden Zweijährigen den Pulli über den Kopf. "Das ist hier oben natürlich besonders dramatisch, da wir uns bei der Kälte immer ziemlich viel überziehen müssen." Trine hat mittlerweile einen hochroten Kopf, genau wie ihr immer noch brüllender Sohn.

Niels hat den besseren Part, er sorgt für das Frühstück. Aber das kann keiner so richtig genießen, denn nach zwei Bissen von der Stulle ist es auch wirklich höchste Zeit.

Niels setzt seine sechsjährige Tochter im Kindergarten ab, bevor er die Alta-Kommune ansteuert. Mit dem "Spark", einer Kreuzung zwischen einem Roller und einem Schlitten mit langen, dünnen Kufen, kommen die Nordländer hier zügig voran. Er ist auch schon beinahe ein Muss, denn ein einfacher Spaziergang kann bei falschem Schuhwerk zu einer einzigen Schlitterpartie werden. Begeistert ist Niells nicht gerade. "Ich wäre lieber Journalist", meint Niels. Sein größter Traum aber ist es, ein Buch zu veröffentlichen. Und die ersten Seiten stehen schon.

Trine bringt Jakob zu seiner Tagesmutter. Dann geht's zurück nach Hause, wo sie im Keller ihr Zeichenstudio hat. Im Moment arbeitet sie an einem norwegischen Schulbuch für samische Kinder. Es ist bereits das Zweite, das sie illustriert, aber reich wird man davon auch nicht. An dem ersten Buch hat sie etwa ein halbes Jahr gearbeitet, oft an den Wochenenden und dafür etwa 10.000 Mark bekommen. "Das ist mehr als zu wenig für die ganze Arbeit", sagt Trine, aber sie ist dennoch froh, den Job überhaupt bekommen zu haben. Sie steht noch am Anfang und für freie Zeichner sind Arbeitsproben eben das A und O.

Dann ist endlich Wochenende. Ausschlafen. Lange und ausgiebig frühstücken. "Darauf freuen wir uns im Winter", sagt Niels und deckt den Frühstückstisch. "Für lange Ausflüge ist es in der ´mørke tid` meist zu kalt und zu dunkel für die Kleinen, aber ab März sind wir auch wieder aktiver. Mari ist schon ganz begeistert vom Skilanglauf. Meine Eltern haben in der Finnmarksvidda eine Hütte, da findet dann auch häufiger ein Familientreffen statt", erzählt Trine und nippt an ihrem Kaffee. Jeden Samstag ist nach dem Frühstück das Treffen mit Freunden in einem Cafe im Alta-Zentrum angesagt. Auch heute. Als wir ankommen, ist es beinahe schon Mittag und viele der Freunde sind schon eingetroffen. Es ist laut, alle haben Kinder. Mit freundlichen "Hei´s" werden wir begrüßt. Die Atmosphäre ist locker, man plaudert über dies und jenes. Viele von Trines und Niells Bekannten sind zugezogen.

"Eigentlich träumen wir doch alle nur davon, irgendwann wieder in den Süden zu ziehen", meint Brian und erntet für diese Aussage gleich einen Rippenstoß von seiner Frau Grete. "Na, so schlimm ist es ja wohl auch nicht!" Lust auf das Leben hier oben haben aber beide nicht mehr und machen im Sommer Nägel mit Köpfen und ziehen wieder zurück in den "Süden", obwohl sie dort noch keine Anstellung in Aussicht haben. Auch Kjell und Askild haben dieses Ziel vor Augen, wenn auch noch nicht sofort. "Wenn das so weiter geht, haben wir bald keine Freunde mehr in Alta", befürchtet Niells. Er und seine Familie werden aller Voraussicht nach im hohen Norden bleiben, da ja auch ein Teil der Verwandtschaft hier wohnt.

 

Ha det bra Nord-Norge

Kurz vor meiner Abreise treffe ich Asle zufällig wieder. Er sieht besser aus und ist auf dem Weg zur Uni. Ich gucke ihn erstaunt an. "Ja verdammt, ich hatte die Rumhängerei satt", meint er und wirkt entschlossen. Er habe sich noch mit ein paar Freunden ausgesprochen und ist zu der Erkenntnis gekommen, dass er so den Frust auch nicht abbauen kann. Toll, Asle! Außerdem endet ja auch bald die Polarnacht und die Sonne kommt wieder raus. "Ich will, wenn man mich bei Tageslicht sehen kann, eine gute Figur machen", meint er und zwinkert mir zu.

Tschüss, bis zum nächsten mal!

Kerstin Klimenta

 

 

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