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Der Boom der magischen Bücher oder: Warum Lesen verzaubert

Geschichten um Hexen, Zauberer und gruseligen Geschöpfen sind zu Zeit absolut „in“. Warum sind diese Bücher über fremde Welten so begehrt und liegt das alles nur an Harry Potter? Diesen Fragen soll im Folgenden genauer nachgegangen werden. Klar ist: Lesen ist gut und wichtig, aber muss es unbedingt so etwas Mystisches sein? Dass gerade das Genre der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur junge Leser fasziniert, hat durchaus seine Gründe…

 

Das Phänomen Harry Potter

Jüngst erschien der sechste Band von J.K. Rowlings Zauberschüler Harry Potter. Und natürlich führt er momentan alle Bestsellerlisten an, so wie auch schon die vorherigen Ausgaben. Die Spiegel Top 20 aus dem Bereich Belletristik (Stand 48/2005) enthalten sage und schreibe alle bisher erschienenen Harry Potter Bände! Und auch wenn die ungeschriebene Grenze von 25 Euro für ein erzählendes Jugendbuch durchbrochen wurde, finden die Bücher reißenden Absatz.

Der große Erfolg dieser Jugendbuchreihe aus dem Reich der Magie ist ein Indiz für das starke Interesse am phantastischen Genre in der Kinder- und Jugendliteratur. Die ursprüngliche Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen ist bei Weitem nicht mehr alleiniger Konsument solcher Bücher. Vielmehr begeistern sich immer mehr Erwachsene für magische Welten. Besonders fällt dies bei den Verfilmungen auf: Wie viele Kinderfilme gab es zuvor, in denen eine Spätvorstellung ausverkauft war? In der aktuellen Verfilmung von Band 4 „Harry Potter und der Feuerkelch“ schaut man sich in der 23 Uhr Vorstellung um und sieht, dass alle Plätze belegt sind… von anderen Erwachsenen!

 

Was gibt es neben Harry?

Doch zurück zur Literatur. Das phantastische Genre ist keineswegs mit Harry Potter erfunden worden. Lediglich der unglaubliche Erfolg der Potter-Bücher lenkte das öffentliche Interesse wieder stärker darauf. Leider schwebt Harry momentan über allem, was in diesem Bereich veröffentlicht wird, jedenfalls in den Augen vieler Leser. Es werden zu jedem Band neue Begleit-Events veranstaltet, so dass fast niemand mehr der Potter-Manie entkommen kann (vgl. Elstner 2004). Dabei gibt es unendlich viele weitere Geschichten, die ihre eigene Faszination ausüben, aber deren Erfolgmaschinerie lediglich kleiner budgetiert ist. Sie sollten aber nicht außerhalb unseres Blickfeldes geraten.

Im Moment erobert eine deutsche Schriftstellerin den anglo-amerikanischen Buchmarkt, ihre Werke sind dem Erfolg von Harry Potter dicht auf den Fersen. Cornelia Funke schrieb bisher Bücher mit den Titeln Tintenherz, Tintenblut, Herr der Diebe oder Drachenreiter, die sich immer größerer Beliebtheit bei jungen und erwachsenen Lesern erfreuen. Auch Kirsten Boie ist eine bedeutende deutsche Schriftstellerin aus diesem Bereich. Philip Pullman aus der englischsprachigen Jugendliteratur wird seit einiger Zeit für den deutschen Markt übersetzt und erreicht ebenfalls hohe Verkaufszahlen.

 

Betrachtet man die Geschichte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, so lässt sich eine stetige Entwicklung bis zum heutigen Zustand erkennen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden im Zuge der deutschen Romantik erste Geschichten und Märchen, in denen phantastisches Geschehen und Alltagswirklichkeit miteinander kombiniert wurden, in denen das Natürliche und das Über-Natürliche nebeneinander existieren. Diese Texte (z.B. von E.T.A. Hoffmann) haben die phantastische Gattung auch in England oder Frankreich inspiriert. Diese romantischen Erzählungen bilden bis in die 1950er und 1960er Jahre hinein eine eigene phantastische Erzählgattung, die durch die Volksüberlieferung geprägt war.

Daraus entstanden z.B. „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler 1957 oder „Jim Knopf“ von Michael Ende 1960/1962. Sogar im Jahre 1971 ließ sich diese literarische Form in Preußlers düsterem Jugendroman „Krabat“ erkennen. Erst danach modernisierte sich dieses Genre, indem die Hexen und Zauberer deutlich menschlicher wurden, so wie wir es heute kennen. „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende ist eines der ersten Werke dieser neueren phantastischen Gattung.

Der ganze Bereich der „fantasy-Romane“ stammt ursprünglich nicht aus der deutschen Kultur, diese Form entwickelte sich im englischen Raum und schwappte erst nach und nach zu uns herüber.

 

Was zieht die Leser in den Bann?

Warum begeistern die Geschichten um Magie, Zauberei, Hexen, Fabelwesen und düster-schönen Geheimnissen die Leser so?
Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war sicherlich 1979 Michael Endes eben erwähnter Welterfolg „Die unendliche Geschichte“, wo ein Menschenjunge durch das Lesen in einem geheimnisvollen Buch ins Reich Phantasien gelangte und es schließlich vor dem Untergang rettete. Der Handlungsstrang und die Hauptfigur können als Musterexemplar für die Konstruktion einer modernen phantastischen Erzählung angesehen werden.

Gemeinsam ist vielen phantastischen Geschichten eben dieser Kampf gegen Verderben, Tod oder Untergang. Die Figuren haben zumeist besondere Kräfte, mit denen sich Schritt für Schritt gegen das Böse ankämpfen. Niemals sind die Kräfte so gestaltet, dass die Hauptfigur mit einem Schlag alles Übel abwenden kann. Damit wird ein menschliches Wesen beibehalten, so dass sich die Leser besser mit den Akteuren identifizieren können.

Dies wird noch dadurch gefördert, dass die „Helden“ oft aus der realen Welt stammen. So wirkt das konstruierte mystische Weltbild natürlicher und nachvollziehbarer. Geheimnisvolle „Parallel-Welten“ werden beinahe als natürliche angenommen. Sie sind so detailliert und schlüssig konstruiert, dass die Handlungen innerhalb dieser Welten logisch erscheinen. Durch das Lesen phantastischer Bücher brechen die Leser in Gedanken aus den Zwängen und eingeschränkten Gegebenheiten der Realität aus, das Lesen befreit uns für einen Moment aus dem gewohnten Regelwerk des Alltags. Und genau darin liegt die Befriedigung eines inneren Wunsches junger Menschen.

Der Leser fiebert mit der Hauptfigur, die wie bereits beschrieben, derart menschlich gestaltet ist, dass die Identifikation nicht nur nahe liegt, sondern sich beinahe automatisch vollzieht.

Das Bedürfnis nach Anerkennung und Erfolg, nach Kräften, mit denen Probleme gelöst werden können und nach Fähigkeiten, die einen völlig unscheinbaren Menschen zum Held machen, ist im Menschen verankert. Besonders in der Phase der Jugend treten diese Wünsche auf, Jugendliche möchten sich als Person in der Gesellschaft einen Stellenwert schaffen, möchten ihre Grenzen ausloten, erweitern oder überschreiten, sie möchten von Anderen respektiert und anerkannt werden und einen eigenen individuellen Charakter ausbilden. Der Alltag stellt sie oft vor Probleme, die unüberwindbar scheinen, sie müssen sich unterordnen und Konflikte lösen. Genau vor diese Probleme sehen sich die Helden in phantastischen Jugendromanen ebenfalls gestellt. Doch sie schaffen es mit ihren magischen Kräften und der Unterstützung der zauberhaften Umgebung, viele der Konflikte zu lösen. Und genau das zieht die Leser in den Bann. Der Held des Buches schafft, was man selber gern schaffen möchte, nur auf einer anderen – transzendentalen – Ebene (s. u.). Dass er aber auch Fehler macht und an manchen Dingen scheitert, macht ihn zu einem liebenswerten Gefährten, sozusagen ein verzaubertes Abbild der eigenen Person.

 

Auch Helden machen Fehler

Ein weiteres Beispiel eines „Helden mit Macken“ ist neben Harry Potter oder Bastian Balthasar Bux „Der kleine Hobbit“ von J.R.R. Tolkien. Er findet durch Zufall den magischen Ring, der ihm wundersame Kräfte verleiht. Und obwohl er sieht, dass der Besitz des Ringes auch negative Konsequenzen für ihn hat, kann er sich nicht dazu durchringen, den Ring herzugeben. Und genau diese Gedanken hat jeder Mensch, sobald er etwas findet, das ihm Erfolg verspricht. Von einer subtilen Egozentrik kann sich wohl niemand wirklich frei sprechen, ebenso wenig die Helden der magischen Romane. Und genau darum lieben wir sie.

 

Besteht Gefahr für Realitätsverlust?

Durch die unwirklichen Geschöpfe und magischen Kräfte, die über alles hinausgehen, was Kinder und Jugendliche in der realen Welt erfahren, wird oft kritisiert, dass dadurch das „sich Verlieren“ in eine andere Welt provoziert wird. Lars Gustafsson kritisierte 1970, dass solche Geschichten rückwärtsgewandt, anti-aufklärerisch und „reaktionär“ seinen. Die Leser setzen sich angeblich mit Dingen auseinander, die sie so niemals (mehr) erleben würden. Eine Vorbereitung auf reale und moderne Konflikte würde demnach nicht stattfinden. Krieg, Kampf und Gewalt würden verherrlicht, die Erzählungen wären übermäßig episch, kitschig und altmodisch. Im Allgemeinen werden die Geschichten teilweise als „Phantastereien“ bezeichnet und ihnen wird ein niedrigerer Stellenwert in der Literatur zugeordnet.

Doch dazu gibt es in der Kinder- und Jugendbuchforschung eine klare Position. Die Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur erfüllt ganz bestimmte Funktionen (auch wenn es nicht immer der Fall ist) neben der reinen Unterhaltung:

  • Durch den Spannungsaufbau und die Komik weckt diese Form der Literatur vor allem auch bei Nicht-Lesern Lesefreude
  • Der Widerstreit von Gut und Böse, die Prüfungen, die der Held bestehen muss, die symbolische Ebene von Freundschaft und Verrat, von existentiellen Krisen und deren Überwindung, die Suche nach Werten und Sinn, die Reifung und das Ich-Werden sind grundlegende Themen in den Geschichten. Sie können die eigene Identitätsfindung des Lesers positiv beeinflussen und das Herausbilden einer eigenen Persönlichkeit stärken.
  • Die andere Welt ist oft ein Spiegelbild der Wirklichkeit. Familienverhältnisse, Schule, Gesellschaft und Politik werden hier in einem Gegenentwurf entfremdet dargestellt und können damit klarer erkannt und kritisiert werden. Der Leser erfährt, dass vorherrschende Realitätsmuster und Weltbilder nicht unanfechtbar, sondern meist relativ sind.
  • Besonders die Phantastik ist eine Ebene jenseits der Schwarz-Weiß-Zeichnung, die Figuren sind oft ambivalent und nicht durch und durch einer Seite zuzuordnen. Auch innerhalb des Textes finden sich immer wieder verschiedene Textformen und Gattungen. Damit kann ein Beitrag zur literarisch-ästhetischen Bildung des Lesers geleistet werden. Er lernt die vielen Facetten von Figuren und die unterschiedlichen Ausprägungen von guten und bösen Mächten kennen. Ihm wird vermittelt, wie viele unterschiedliche kreative Elemente in einer einzigen Geschichte stecken können.(vgl. Kaulen 2004)

So sehr man auch die tiefere Bedeutung von phantastischer Kinder- und Jugendliteratur herausstellen kann, ist der scheinbar trivialste Aspekt, nämlich die reine Unterhaltung und das Vergnügen an der Verzauberung durch das gedankliche Eintauchen in fremde Welten, nicht zu unterschätzen. Auch wenn es wichtig und wünschenswert ist, dass Literatur Kindern Lernerfahrungen ermöglicht, so sollte nicht vergessen werden, dass Kinder und Jugendliche auch die reine Erfahrung des Lesegenusses erleben sollten.

 

Bücher im Baumarkt oder an der Tankstelle

Die zuletzt gestellte Frage leitet auch direkt zu einem Kritikpunkt über, der oft angebracht wird. Im Fall Harry Potter wurden Bücher außerhalb von Buchhandlungen in Baumärkten, Supermärkten oder Tankstellen verkauft. Wird damit die Kultur des guten Buchhandels untergraben? Ist dies die einzige Möglichkeit um wieder mehr Kinder zum Lesen zu bewegen?
Unter den Buchhändlern gibt es das Argument, diese Vermarktung schade tatsächlich dem Buchhandel, der ohnehin schon mit rückläufigen Umsatzzahlen zu kämpfen hat.
Jedoch gibt es auch hier ein Gegenargument: Die Menschen, die einen Potter-Band im Bau- oder Supermarkt kaufen, werden dem Buchhandel nicht abgezogen; sie würden wahrscheinlich auch sonst nie in einem Buchladen einkaufen. Was nun stimmt, kann nicht eindeutig geklärt werden.

Anscheinend beweisen die hohen Verkaufszahlen eine Zunahme an jungen Lesern und damit eine gewachsene Lesefreude. Stimmt dies so ohne weiteres? Nicht selten werden Bücher angeschafft, ohne dass sie auch wirklich gelesen werden. Oder wenn sie gelesen werden, dann mehr aus der „Modeerscheinung“ heraus, wobei eine wirkliche Aufnahme des Inhaltes kaum stattfindet. Fragt man genauer nach, was in der Geschichte eigentlich passiert ist, kann keine befriedigende Antwort gegeben werden. Oder es wird eingeräumt, dass das Buch zwar angefangen, aber dann nicht zu Ende gelesen wurde.
Die Käufer sollen an dieser Stelle keineswegs als „leere Konsumenten“ verurteilt werden, es geht lediglich darum, eine kritischere Sichtweise auf die überdimensionalen Verkaufszahlen der Potter-Bücher aufzuzeigen. Nicht jeder, der ein Potter-Buch gekauft hat, wird zum begeisterten Leser. Letzten Endes wird aber ein großer Anteil unter den Käufern tatsächlich durch dieses Werk von J.K. Rowling einen Zugang zum Lesen gefunden und sich erstmals auch an ein wirklich „dickes“ Buch getraut haben. Und das ist ein toller Effekt. Und dabei behalten die jungen Leser durchaus den Blick dafür, dass die magische Welt nicht real ist, und dass sie wohl immer Muggel bleiben werden, so sehr sie sich auch verzaubern lassen. (nat)

 

Literatur

  • Elstner, Robert: Millionenerfolg. Auch mit Band fünf der Harry Potter-Serie zeigt sich phantastische Kinderliteratur ungebrochen beliebt. In: Arbeitskreis für Jugendliteratur (Hg.): JuLit, Heft 1/ 2004. S. 3 – 11
  • Kaulen, Heinrich: Wunder und Wirklichkeit. Zur Definition, Funktionsvielfalt und Gattungsgeschichte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Arbeitskreis für Jugendliteratur (Hg.): JuLit, Heft 1/ 2004. S. 12 – 20

 

Weitere Literatur zum Thema:

  • Lange, Günter u. Wilhelm Steffens (Hg.): Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinderliteratur. Würzburg 1993
  • Meißner, Wolfgang: Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur. Würzburg 1989
  • Tabbert, Reinbert: Phantastische Kinder- und Jugendliteratur. In: Lange, Günter (Hg): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 1. Baltmannsweiler 2000, S. 187-200
  • Sahr, Michael: Von Anderland und Wunderland. Phantastische Kinderbücher im Unterricht der Grundschule. Baltmannsweiler 1990
  • Rank, Bernhard (Hg.): Erfahrungen mit Phantasie. FS für Gerhard Haas zum 65. Geburtstag. Baltmannsweiler 1994

 

Links:

 

Theorien zur Phantastik in der Literatur:

>>http://www.ph-heidelberg.de/wp/rank/fantastik/theorien/patzelt/leitfragen/lf_02.htm

 

Die Spielwelt Harry Potters:

>>http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-32-Januar2001/Gastkolumne2.html

 

Muggel gegen Zauberer
Wie harmlos ist Harry Potter?

>>http://www.markus-tomberg.de/kjl/hphk.html

 

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