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Aus der Praxis des Waldorfkindergartens

Am Rande einer kleinen Siedlung, mit viel Abstand zur ohnehin kaum befahrenen Straße, liegt der Waldorfkindergarten.
Auffällig ist bereits seine eigentümliche Bauweise – als Sechseck gestaltet treffen die Wände nicht im rechten Winkel aufeinander, die Türen und Fenster sind geschwungen, die Außenfassade in Orange-Ocker gehalten. Der kleine Parkplatz ist mit Schottersteinen befestigt, in der Mitte befindet sich ein liebevoll bepflanztes Rondell. Rundum stehen Bäume und Büsche, die Wiese befindet sich in natürlich-verwildertem Zustand.

Über der Eingangstür prangt in schwungvollen Lettern „Waldorfkindergarten“. Der Türgriff ist ebenfalls aus Holz und scheint ein Unikat zu sein – wie so vieles, auf das man hier trifft.
Überraschend ist die Ruhe, mit der die Eintretenden empfangen werden. Auch innen sind die Wände in Erdtönen gestaltet – orangefarbene Lasur wechselt einen gelblichen Ton ab, einen zarten Kontrast bilden die hellblauen Holzlatten, mit denen die Decke verkleidet ist. Im Eingangsbereich zieht sodann ein waldorftypisches Gemälde den Betrachter in seinen Bann: eine Menschengestalt schwebt vom Himmel, alle Farben laufen harmonisch ineinander, es ist hell und freundlich.

Auf einem Holztischchen liegen Informationsbroschüren, auf einer Tafel sind Neuigkeiten und Ankündigungen ausgehängt. Auch im Inneren sind die Wände geschwungen, rechte Winkel gibt es nicht. Die Garderoben der Kinder sind aus hochwertigem Holz, mit viel Platz zum Verstauen von Jacke, Regenhose, Hausschuhe und etlicher kleiner ‚Schätze’, die im Laufe des Vormittags gebastelt oder gefunden werden. Der Gruppenraum ist groß, mit eigener Küchenzeile, einem Kamin mit gläserner Tür und einem kleinen Werkraum. Nicht zu vergessen ist der sogenannte Jahreszeitentisch, der dem Monat und der Jahreszeit entsprechend liebevoll und aufwendig mit Tüchern, Ästen und Blumen gestaltet ist.

Ab halb 8 werden hier die ersten Kinder in den insgesamt drei Gruppen aufgenommen. Die Gruppengröße weicht von der anderer Kindergärten kaum ab, gut 20 Kinder in den „großen“ Gruppen (4-6 Jahre) und 13 Kinder in der „kleinen Gruppe“ (bis 4 Jahre) verbringen hier ihren Vormittag.
Die Ankunft kann von den Eltern flexibel gestaltet werden, doch sollten alle Kinder bis halb 9 eingetroffen sein.

Der Tagesablauf im Waldorfkindergarten ist rhythmisch gestaltet. Diese Beständigkeit und Wiederholung soll den Kindern Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Montags steht z.B. das Wachsmalkreidemalen auf dem Plan: auf jedem Platz liegt eine Pappunterlage, in der Mitte des langen Tisches stehen Körbchen mit den Farben. Jedes fertiggestellte Bild wird mit dem Namen des Kindes und dem Datum versehen und anschließend in eine Mappe einsortiert. So soll die motorische und geistige Entwicklung des Kindes dokumentiert werden.

Am Dienstag binden sich alle nach der Ankunft eine Schürze um und setzen sich zum Brötchenkneten an den Tisch. Der meist aus Dinkelmehl gefertigten Teig darf mit Sesam oder Kürbiskernen verziert werden und wandert anschließend zum Backen in den Ofen – die fertigen Brötchen sind später Bestandteil des späteren gemeinsamen Frühstücks. Mittwochs wird mit Wasserfarben gemalt, am Donnerstag stehen wiederum die Wachsmalkreiden bereit, am Freitag kneten die Kinder mit buntgefärbtem Bienenwachs Figuren auf ausgesägte Holzplatten. An diese ‚einstimmende’ und kreative Tätigkeit schließt sich in fließendem Übergang das Freispiel an. Die Kinder, die mit ihrem Bild, ihrer Wachsfigur oder dem Brötchenkneten fertig sind, stehen auf und bewegen sich frei im Raum. Dabei dürfen sie sich der Arbeit der Erzieherin anschließen, müssen es aber nicht.

In dieser Phase des freien Spiels stehen den Kindern viele Naturmaterialien und wenig ausgestattetes  Spielzeug zur Verfügung. Große, mit Pflanzenfarben gefärbte Tücher dürfen aus dem Regal genommen werden, Bänder und Kordeln werden ins Spiel integriert. In einer Ecke befindet sich die Puppenstube, in einer anderen der Kaufmannsladen – das ‚Handelsgut’ besteht aus Muscheln, Kastanien, Steinen oder Hölzern, die sorgsam auf einer einfachen Waage abgewogen werden können - auf Naturmaterialien, Gesundheits- und Umweltverträglichkeit wird im Waldorfkindergarten besonders großer Wert gelegt.

Darüber hinaus stehen Steckenpferde und eine Holzeisenbahn bereit, und es können die Tischelemente zum Burgenbauen verwendet werden. Funktionsgebundenes Spielzeug wird abgelehnt. Diese hemmt nach Ansicht der Waldorfpädagogen die Kreativität und verleitet nur eingeschränkt zum Spiel. Der Sinn der Kinder für Statik und Balance etwa wird beim Bauen eines Turmes mit gesägten (und damit unregelmäßigen) Hölzern sinnvoller geschult, als wenn Plastikwürfel zu einem großen Klotz fest ineinander gesteckt werden können. Auch soll beispielsweise die Mimik der Puppen ‚neutral’ sein – so kann das Kind in seinem Spiel jede gewünschte Gefühlsäußerung in das Gesicht der Puppe legen.

Die ältesten Kinder, deren Einschulung im Sommer bevorsteht, werden mit Fingerhäkeln und Weben in der Feinmotorik ihrer Hände und in ihrer Konzentrationsfähigkeit geschult. Mit besonderer Freude nähen die Jungen und Mädchen unter Anleitung der Erzieherin auch kleine Stoffmäuse – die selbstständige Herstellung eines eigenen Spielzeuges schafft Selbstvertrauen.

Das Aufräumen beendet das Freispiel – in ‚Bildsprache’ werden die Kinder dazu angehalten, wieder alles an ihren Platz zu bringen. Die Kinder werden zu ‚Packeselchen’, wenn sie die Tücher Richtung Regal transportieren, als ‚Baumeister’ rücken sie die Tische wieder zusammen und die Steckenpferde werden von ihren ‚Reitern’ in den Stall gebracht. Nun beginnt der gemeinsame Teil mit Spielen, Liedern und Reimen. Die Verse, Gedichte und Rollenspiele sind auf die Jahreszeiten, Feste und Monate abgestimmt und erweitern das Rhythmusgefühl und den Sprachschatz der Kinder.
Nachdem sie dann auf der Toilette gewesen sind und ihre Hände gewaschen haben, geht es zum Frühstück an den Tisch. Die Eltern müssen ihren Kindern nichts mitgeben, das Frühstück wird von den ErzieherInnen zubereitet. Auch hier findet sich wiederum der feste Wochenrhythmus: an einem Tag gibt es Milchreis, an einem anderen die vorbereiteten Brötchen, auch sind Hirsebrei, Brot mit Butter und Kräutersalz oder ein Joghurtmüsli mit Äpfeln und Rosinen Bestandteil des Wochenspeiseplans. Vollkommen problemlos akzeptieren die Kinder das vollwertige und wenig süße Frühstück.

Selbstständig bringen sie anschließend ihre getöpferten Speiseschalen und die Trinkbecher zur Spüle. Danach putzen alle im Waschraum ihre Zähne, bevor sie zum zweiten Freispiel nach draußen gehen. Die Gestaltung der Außenanlagen ist genau wie die Architektur des Gebäudes genau durchdacht. Der große Sandkasten weist mehrere Nischen auf, der Grashügel kann zum Klettern und besonders zum Runterrollen benutzt werden. Die Möglichkeiten zum Spiel stehen im Vordergrund der Konzeption - es ist unwichtig, ob die Wiese bequem dem Rasenmäher zugänglich ist. Zum Außenbildgehören zwei Schaukeln, ein Gemüsegarten rundet das Bild ab.

Den Abschluss im Raum bildet das Märchen, vorgelesen oder im Idealfall frei erzählt von der Erzieherin. Dabei wird die teils anspruchsvolle Sprache der Erzählung nicht reduziert, sondern zur Bereicherung des Sprachschatzes aufrecht erhalten.

Gegen 12 Uhr wird dann der Großteil der Kinder abgeholt, für die anderen ist in der Mittagsgruppe eine längere Betreuung gewährleistet.
Ein spezifisch waldorfpädagogischer Bestandteil der Kindergartenwoche ist die Eurythmie, eine Art Bewegungsturnen. Hierzu kommt eine eigens ausgebildete Fachkraft in den Kindergarten. Zu Klavier oder Klangstöcken bewegen sich die Kinder in Gymnastikschuhen und einem Seidenumhang spielerisch im großen ‚Eurythmiesaal’. Dies soll das Körperempfinden schulen und die Kinder zu innerer Harmonie führen – für einen Außenstehenden eine schwer verständliche Einrichtung, zumal die Erklärungen, was eigentlich ‚Eurythmie’ sei, in waldorfpädagogische Termini verpackt wenig aufschlussreich sind. Die Kinder nehmen diese halbe Stunde einmal pro Woche hin, wenngleich die meisten von ihnen die Eurythmie nicht sonderlich lieben.

Besondere Höhepunkte sind die zahlreichen Feste, die im Kindergarten vorbereitet und gefeiert werden. So wird Fasching intensiv vorbereitet, dann geht es auf Ostern zu, es gibt ein Sommer- und ein Laternenfest und einen besonderen Stellenwert nimmt natürlich die Advents- und Weihnachtszeit ein. Der Jahresrhythmus orientiert sich an den Jahreszeiten und insbesondere am christlichen Kalendarium – dies sollten Eltern wissen, wenn sie sich für den Waldorfkindergarten entscheiden. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Kinder hier von äußerst engagierten Menschen betreut werden, die ihrer Arbeit mit Freude und hohem pädagogischen Anspruch nachgehen. Es stehen immer die Kinder im Mittelpunkt pädagogischer Überlegungen und nicht Aspekte der sachlichen Zweckmäßigkeit.

Es gibt insgesamt etwa 500 Waldorfkindergärten in Deutschland. Sie sind zusammengeschlossen in der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V. und arbeiten mehr oder weniger stark verbunden mit den Waldorfschulen zusammen. Die ErzieherInnen sind eigens ausgebildete WaldorfpädagogInnen, die Gründung eines Waldorfkindergartens erfolgt in den meisten Fällen auf Betreiben einer Elterninitiative. Grundsätzlich wird jedes Kind in einen Waldorfkindergarten aufgenommen, nur übersteigt die Zahl der angemeldeten Kinder immer die vorhandenen Plätze. Der von den Eltern zu zahlende Monatsbeitrag ist nicht oder nur unwesentlich höher als in Kindergärten in freier oder kirchlicher Trägerschaft, jedoch muss sich jedes Elternteil/-paar zudem dazu verpflichten, Arbeitsstunden im Außengelände des Kindergartens abzuleisten. Die Einbindung der Eltern in die ‚Kindergartengemeinde’ ist dadurch entsprechend gut, die Anforderungen können aber auch zur Belastung werden – eben wenn das Kuchenbacken für den Fasching, das gemeinsame Basteln für den Weihnachtsbasar, das Unkrautjäten im Beet und der Halbtagsjob das maximale Arbeitspensum einer Alleinerziehenden übersteigen.

Individuelle Lösungen lassen sich aber sicher auch in dem Fall finden; wichtig ist, dass die Eltern hinter der Entscheidung zum Waldorfkindergarten stehen – dann kann auch das Faible der WaldorfpädagogInnen für Zwerge und Märchenwesen und die seltsame Einrichtung der Eurythmie wohlwollend akzeptiert werden.

Ein Praktikumsbericht von Mareike Beer

 

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Nutzer-Kommentare zu diesem Beitrag

20.10.2009

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