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Paradies

Paradies

von Klaus Woestmann

Das Paradies, so stellte ich mir vor, ist groß und bunt und süß und saftig und vielleicht ein bisschen klebrig. In der Zeit, als ich vom Paradies zu träumen begann, bewohnte ich ein vierzehn Quadratmeter großes Zimmer. Das war der Raum, in dem ich meine Phantasien in einem scheinbaren Chaos von Legosteinen, Playmobilfiguren und einem Sammelsurium von Fundstücken ausleben konnte. Meine Mutter hatte das System nie durchschaut, in dem ich die vielen Puzzelstücke jeden Tag aufs neue zu einem ausgefeilten Bühnenbild arrangierte. Sie sprach von einem "heillosen Durcheinander" und ich bemühte mich längst nicht mehr, sie von diesem Irrglauben abzubringen.

Die Kinderzimmer über und unter mir und auf der anderen Seite des Treppenhauses waren, rein äußerlich betrachtet, identisch, nur das die Kinderzimmer auf der anderen Haushälfte links am Ende des Flures lagen und auf dieser Seite auf der rechten Seite. Bei gleichen Abmessungen waren die Räume inhaltlich grundverschieden: Tobi und Clarissa teilten sich eines, während Waldemar, Imke und Hinrich sich mit ihrem Spielzeug auf der gesamten Fläche ausbreiten konnten. Ein Raum war eine Pirateninsel und ein anderer die Startrampe für allerlei Flugobjekte, der andere eine Arche Noah für Stofftiere und der vierte eine Puppenstube. Gemeinsam war uns allen die Ignoranz unserer Mütter vor unserem Gestaltungsdrang. Durch ein gemeinschaftliches Augenverdrehen sprachen wir uns deshalb Mut vor der Aufräumtortur zu, die uns allabendlich erwartete und die einem Bildersturm gleichkam.

Wenn ich mich dann später in meinem sterilisierten und fast leblos wirkenden Zimmer wieder zu orientieren begann, träumte ich vom Paradies: Das Paradies müsste größer sein, heller und bunter als das Kinderzimmer. Ich träumte von Bergen süßer Früchte, die sich im gleißendem Licht auftürmten. Orangen, Zitrusfrüchte aller Art, Kokosnüsse, Weintrauben und Kirschen. Bananen an überdimensionalen Stauden, Äpfel, Mangos und in geflochtenen Körben eigenartige Früchte, die ich nie zuvor gesehen und gekostet hatte. Im Traum fraß ich mich durch das ganze Paradies und stopfte Unmengen süßlicher Vitamine in mich hinein. Die Luft war erfüllt von sphärischen Klängen und ich schwebte durch diesen Garten Eden. Ich weis nicht wovon Tobi und Clarissa, Waldemar, Imke und Hinrich träumten, aber für mich war genau dies die Vorstellung vom Paradies. Hinrich schwebte vermutlich im All und Imke residierte in einem rosaroten Barbischloss, umgeben von einem Tross von Kents, die sie und ihre Freundinnen verwöhnten, aber ich träumte von Bergen von Obst. Wurmlos und ohne Druckstellen.

Später als wir die Ausmaße unserer kindlichen Behausung mit dem Zollstock nachmessen konnten und feststellten, das die 14.25 Quadratmeter genau dem amtlich verordneten Sozialwohnungsstandard entsprachen, wurden auch unsere Phantasien und Träume nüchterner: Hinrich wollte Berufssoldat bei der Luftwaffe werden, weil er beim Bodenpersonal seinem Traum von der Schwerelosigkeit zumindest in Sichtweite käme, Imke wollte als Friseuse die ganze Welt blondieren und in Strähnchen legen und nur Waldemar war noch so kühn, sich tatsächlich als Lokomotivführer zu bewerben. Ich träumte weiterhin vom Paradies und gab mir alle Mühe meinen Weg dorthin zu gehen.

Schon während der Schulzeit habe ich die Einkaufswagen auf dem Parkplatz zusammen geschoben und später dann im Lager ausgeholfen, Waren ausgezeichnet und Leergut gestapelt und nach einem endlos langen Weg durch die Kurzwaren-, Fisch- und Putzmittelabteilung war ich endlich am Ziel: Die Obstabteilung im einzigen Supermarkt unserer Vorstadtsiedlung. Noch heute erinnere ich mich, wie mir der Puls raste, als mir der Zweigstellenleiter mit einem jovialen Grinsen meinen grünen Kittel überreichte, den ich im Laufen zuknöpfte, während ich durch die Haushaltswarenabteilung segelte um die strohbedachten Auslagen meines neuen Arbeitsplatzes zu erreichen. Ich vollführte einen Freudentanz um einen Berg von gold-gelben Honigmelonen, die wie Kanonenkugeln aufgestapelt waren und vergrub beide Händen tief in einem geflochtenen Korb mit dunkelroten Süßkirschen. Meine Kollegen vermuteten, dass ich vor dem Arbeitsbeginn Tollkirschen gegessen hätte. Aber es war alles in bester Ordnung. Ich war nur eben im Paradies angekommen.

Der Zweigstellenleiter behauptete, dass er in der Obstabteilung die Neonbeleuchtung ausschalten könne, weil ich immer so engelgleich strahlend durch die Auslagen segeln würde. Mich hat das nicht gewundert. Wie hätte ich mich auch anders bewegen sollen in meinem Paradies? Die anderen Kollegen fanden mich manchmal sonderbar. Aber das hat mich nie gestört. Abends nahm ich ein kleines Stückchen Paradies in einer grünen Obsttüte mit nach Hause.

Vor zwei Wochen ist das Paradies geschlossen worden. Bei den steigenden Preisen ist der Obstverkauf in unserer Vorstadt rapide zurückgegangen. Man hat mir einen neuen Arbeitsplatz in der Abteilung für Obstkonserven und Trockenfrüchte angeboten. Aber Cocktailmischungen, eingelegte Pfirsiche in Weißblechdosen und zerknautschte und entsaftete Rosinen sind nun wirklich das was ich mir erträumt hatte. Ich mache jetzt in eingeschweißten Backwaren und träume wieder vom Paradies.

Sonntags treffe ich Hinrich, Tobi, Clarissa und Imke in der Laube. Waldemar ist selten dabei, weil der fährt jetzt im Fernverkehr. Ich backe dann immer eine Torte mit frischem Obst aus meinem Garten und die anderen grinsen, weil ich beim ersten Bissen immer strahle.

Diese Geschichte wurde im Rahmen des Schreibtreffs in Münster verfasst. Über Meinungen zu der Geschichte freuen wir uns! Die können Sie im Forum Schreibwerkstatt abgeben.

Weitere Infos zur Schreibwerkstatt gibt es hier »»

Text: by Klaus Woestmann

Foto: anne23, photocase.de

 

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